R'n'B statt R&B - und Schwebe-Sound | SI Style
10|08|2012
Freitag

R'n'B statt R&B - und Schwebe-Sound

Kid Koala spielt im Video zu «’8 bit Blues» heiter-lustig mit Zahlen und erfindet dazu auch noch einen fröhlichen Track. Jennifer Rostock veröffentlicht heute den Konzertmitschnitt «Live in Berlin» (Warner). Wir widmen uns einem Abschiffer und drei Highlights: Neue Musik zum Wochenende.
Text: Christian Hug 

Dead Can Dance: "Anastasis" (Pias/Musikvertrieb). Girls With Guitars: "Live", (Ruf/K-Tel).

Dead Can Dance: "Anastasis" (Pias/Musikvertrieb)
Wir haben nie aufgehört, Dead Can Dance zu lieben: Niemand konnte so unglaublich kräftige und gleichzeitig schwebende Lieder zwischen Gothic, Klassik und Weltmusik spielen. Lisa Gerrard müsste eigentlich auch in Klassik-Kreisen zu den besten ihres Fachs gehören. Und Dead Can Dance sind bemerkenswerterweise noch immer eine der Lieblingsbands vieler Death-Metaller. 16 Jahre ist der letzte reguläre Release von Lisa Gerrard und Brendan Perry her. Brendan veröffentlichte in dieser Zeit zwei schöne Solo-Alben. Lisa brachte es auf eine ganze Reihe herausragender Alben (unter anderem Kollaboration mit Pieter Burky oder Patrick Cassidy) und Filmsoundtracks («Whale Rider», «Gladiator» und «Samsara» – demnächst im Kino und sehr empfehlenswert). Jetzt also endlich die Erlösung für die verschworene Fangemeinde: ein neues Album. Es klingt, als wäre nie eine Pause gewesen. Lisa betörend, Brendan verzaubernd. Und der Track «Return Of The She-King» ist wieder eines dieser Lieder, die grösser sind als jeder Kino-Epos. 

Girls With Guitars: «Live» (Ruf/K-Tel)
Auf der Blues-Caravan-Tour dieses Jahres haben sich Dani Wilde, Victoria Smith und Samantha Fish auf der Bühne gefunden. Das ist gut: Blues ist Männermusik, deshalb ist es immer hilfreich, wenn das andere Geschlecht ein bisschen dreinfunkt. Weil das Fragen aufwirft. In diesem Fall zum Beispiel: Ist Blues, wenn er so geschmeidig und kantenfrei gespielt wird, feminin oder bloss langweilig? Ist Blues noch Blues, wenn sich in ihm keinerlei Leid oder Ironie widerspiegelt? Wilde/Smith/Fish jedenfalls spielen artig, aber irgendwie will da keine rechte Laune aufkommen: zuwenig Biss, zuwenig Druck, zuwenig von allem, irgendwie. Ausser bei der Produktion: Die ist so überkandidelt aalglatt, dass die Frauen noch steriler wirken. Spielen können sie ja auf ihren Gitarren. Aber der Blues fehlt. Das wird exemplarisch klar in ihrer schön dargebrachten, aber wenig ergreifenden Version von Screamin’ Jay Hawkins’ «I Put A Spell On You». Das Konzert ist übrigens als Bonus-DVD auch sichtbar.

Anthony & The Johnsons: "Cut The World" (Rough trade/Musikvertrieb). Nick Waterhouse: "Time's All Gone" (Otherhand/Innovative Leisure)

Anthony & The Johnsons: «Cut The World» (Rough Trade/Musikvertrieb)
Der arme Anthony: Muss eh schon soo viel leiden an der Welt und hat sich zu allem Überfluss vor seinem Auftritt am Blue Balls Festival in Luzern eine Lebensmittelvergiftung zugezogen (wahrscheinlich war sein Essen angebrannt): Konzert abgesagt. Schade. Wäre ein krönender Abschluss des Festivals gewesen. Das macht sein neues Album deutlich: sehr reduzierte, sehr intensive, zerbrechliche Lieder, das Klavier klimpert, Holzblasinstrumente schaffen Dramatik, und über allem Anthony Hegartys belegte Leidensstimme. Herrlich. Zieht einem mit in eine Welt, wo Traurigkeit etwas Schönes ist. Anthony weicht mit seinen Johnsons kein bisschen von seiner bisherigen Linie ab. Ausser vielleicht, dass diesmal der Einfluss der Klassik etwas deutlicher betont wird. Und dass er auf Track zwei nur spricht. 

Nick Waterhouse: «Times’s All Gone» (Otherhand/Innovative Leisure)
Here comes the Überraschung of the season – und eine Mut machende Story: Nick Waterhouse aus Kalifornien sammelte als Teenager fanatisch Vinyl-Singles von total unbekannten Soul- und R’n’B-Bands (damit ist Rhythm and Blues gemeint, nicht die Clubhoppermusik, die heute R&B heisst), kratzte sein letztes Geld zusammen und spielte eine Vinyl-Single ein, die im Lärm der Zeit komplett unterging – aber die bald auf eBay für 200 Dollar gehandelt wurde. Das Indie-Soullabel Innovative Leisure nahm ihn schliesslich unter Vertrag und präsentiert nun das Debütalbum des Mittzwanzigers. Wir lernen: Auch im Zeitalter der Youtoube-Clicks als Popularitätsgradmesser wird der Wert der guten alten Vinyl-Single und der guten alten Soulmusik hochgehalten. «Times’s All Gone» ist ein grossartiges, restlos mitreissendes Soul-Album im Stil der 50er- und 60er-Jahre, als die Mods Hochkonjunktur hatten, aber es klingt so nonchalant frisch, als hätte Nick Waterhouse diese Musik eben erst erfunden. Man müsste Nick als neue Amy Winehouse aufbauen. Schaut euch auch mal seinen Blog auf www.nickwaterhouse.com an, da gibt es viele uralte Soulmusik zu entdecken. 

RedaktionAnita Lehmeier
Kategorie Musik, Plattentipps