Text: Christian Hug
Seed: «Seeed» (Warner). Danko Jones :«Rock And Roll Is Black And Blue» (Bad Taste/TBA).
Seeed: «Seeed» (Warner)
Es hatte durchaus Vorteile, als Seeed Künstlerpause für Soloprojekte machten, auch wenn wir im Grunde lieber mehr Seeed-Songs gehabt hätten: Peter Fox schenkte uns das «Haus am See» und Dellé war ganz okay, nur Boundzound fand kaum Beachtung. Gross war die Freude, als die coolsten Dancehall-Caballeros der Welt auf Ende 2011 ein neues Album ankündigten. Wieso wir dann ein ganzes Jahr darauf warten mussten, bleibt ein Rätsel. Die Plattenfirma sagt, dass es die Band gewesen sei, die den Veröffentlichungstermin immer wieder verschoben habe. Aber nun ist es endlich da – und wir sind geschockt: Die neuen Seeed wirken saft- und kraftlos. Vier Songs lang dümpeln sie herzschmerzend mit Orchester vor sich hin, bis sie zum ersten Mal ein bisschen aufdrehen, aber «Seeed» bleibt über die ganze Länge Meilen entfernt von Klassikern wie «Psychedelic Kingdom», «Next», «Music Monks» oder «Aufstehn!». Niemand brachte so fette, so wuchtige, so prächtige Dancehall-Power zustande wie Seeed. Und jetzt klingen sie wie ihre eigenen Grossmütter auf Valium.
Danko Jones: «Rock And Roll Is Black And Blue» (Bad Taste/TBA)
Auch beim neuen Album von Royal Republic haben wir uns vor ein paar Wochen gewundert, wieso da plötzlich die Kraft weg ist, und vergleichend erwähnt, dass dieses Album hätte wie die Werke von Punk-Ikone Danko Jones klingen müssen. Nun kommt der Meister selber mit einem neuen Album, und es ist naja – nicht lasch, sondern nur vergleichsweise langsam. Denn selbst wenn Danko die, wie soll man sagen: Melancholie des Rock'n'Roll erforscht, wie er das im Albumtitel schon klarmacht, strotzen die Tracks vor Kraft und eingesottener Power. Das ist zwar nicht sein Opus Magnum, aber immer noch ein tolles Rock-Album. Leute wie Bruce Springsteen könnten sich davon eine Scheibe abschneiden. Und den Rolling Stones, die ja selber mal ein grossartiges Album mit dem Titel «Black And Blue» veröffentlichten, könnte «Rock And Roll Is Black And Blue» eine Anleitung sein, wie sie wieder zurück zum Rock finden könnten.
Muse: «The 2nd Law» (Warner). Baden Baden: «Coline» (Naïve/Musikvertrieb).
Muse: «The 2nd Law» (Warner)
Und wieder heisst es: Niederknien vor Muse! Die Jungs sind grosse grosse Kunst. Das neue Album bietet ziemlich genau das, was nach «Survival», dem offiziellen Song der Olympischen Sommerspiele in London, zu erwarten war: Diesmal lassen sich die Engländer noch mehr Zeit, ihre Songs zu entwickeln, sie sind eine Spur elegischer geworden, bleiben aber immer organisch und unglaublich dicht. Sogar die punktuelle Unterstützung eines Orchesters fällt nicht als Klassik-Einschlag auf, sondern schlägt im Puls der Songs. Mehr Worte muss man nicht verlieren: Detailarbeit bleibt den Superfans überlassen, Muse bleiben eine schier unwirkliche Übergrösse in der Soundlandschaft.
Baden Baden: «Coline» (Naïve/Musikvertrieb)
Wer Freude hat am neuen Album von Of Monsters And Man, dem sei das Debüt-Album der drei Pariser, die sich nach einer deutschen Wellness-Stadt benennen, ans Herz gelegt: luzid schwebender Pop, der mit seinen Klängen von zaghaft gezupften Gitarrensaiten zerbrechlich wirkt, aber stabil getragen ist von schönen Wohlfühlmelodien. Für Liebhaber von Neofolk der französischen Schule.
Lilabungalow: «Lilabungalow» (Broken Silence/Namskeio). Papa Roach: «The Connection» (EMI).
Lilabungalow: «Lilabungalow» (Broken Silence/Namskeio)
Wem schöner Wohnen mit Baden Baden zu seicht ist, wer also gerne rausgeht und zum Horizont blickt: Hier kommt eine neunköpfige Band aus Deutschland mit ihrem Debüt, und das verblüfft: Lilabungalow vereinen Pop und Kunst, Electro und Sprechgesang, Trompeten und Country zu etwas Neuem, das sich kaum greifen lässt, das aber immer harmonisch und so selbstverständlich zueinander findet, dass es wie aus einem Guss daherkommt. Man muss sich für dieses Album ein bisschen Zeit nehmen, aber das zu tun lohnt sich.
Papa Roach: «The Connection» (EMI)
Auch wenn die New-Metaller (darf man das überhaupt nach über zehn Jahren noch sagen?) mit dem technoiden Cover ihres neuen Albums eine neue Ära markieren: Was ihre Musik anbelangt, so gehen Papa Roach nur gaaanz sachte an elektronische Töne heran und auch das nicht für sehr lange: Schon nach wenigen Songs sind sie wieder im alten Fahrwasser, brettern und rappen und streuen unaufhörlich die üblichen Breaks rein. Das ermüdet auf Dauer, so, wie alle Papa-Roach-Alben auf Dauer eintönig werden, auch wenn dazwischen durchaus tolle Kracher zu finden sind.