Kylie war gestern, jetzt kommt Kyla! | SI Style
20|07|2012
Freitag

Kylie war gestern, jetzt kommt Kyla!

John Lord hat uns verlassen. Wir hören sein Album «Sarabande» von 1976 und gedenken seiner. Derweil verlassen die Fans Madonna-Konzerte noch vor den Zugaben: Jetzt wird’s eng für die Chefin. Und ihr neues Video ist auch nicht gerade der Bringer. Übrigens auch nicht das neue Video von No Doubt, mit denen sich Gwen Stefani mutmasslich wegen erfolgloser Solo-Alben wieder zusammengetan hat. Naja. Und der Film über Kati Perry ist auch bloss Popcorn in Farbe. Was zählt, ist der Auftritt von Dr. House Hugh Laurie am 21. Juli im Zürcher Kaufleuten. Und neue Musik zum Wochenende. 
Text: Christian Hug

Kyla La Grange: "Ashes" (Sony). Frank Ocean: "Channel Orange" (Universal).

Kyla La Grange: «Ashes» (Sony)
Heute abend eröffnet Kyla La Grange das Blue Balls Festival Luzern  (sie ist auch das schöne, geschmeidige Mädel auf dem Plakat), und wer noch keine Karten hat, sollte sich subito welche sichern: Die junge Engländerin singt melancholisch-schöne, entrückte Lieder. Sie erzählt Geschichten, die Emotionen und Bilder entstehen lassen, auch wenn man gar nicht auf die Texte hört. Sie hat eine eigenwillig-schöne Stimme. Und die Musik entwickelt scheinbar nebenbei und immer leicht verzögert eine schleifend sich aufblähende Dramatik – herrlich. Kyla schafft Räume irgendwo zwischen Kate Bush und Lana Del Rey (beziehungsweise den beiden richtig guten Songs von Lana), die sich nach allen Seiten ausdehnen. Wer heute nicht nach Luzern kann: Album kaufen! Wer heute hingeht: Im selben Saal spielen auch The Kills. 

Frank Ocean: «Channel Orange» (Universal)
Noch ein Sänger, der mit seinem Debüt die Tiefen seiner Psyche auslotet: Frank Ocean kommt aus New Orleans, ist 24 Jahre alt und fühlt sich «more like some type of visual artist than a musician when i'm working», wie er selber sagt. Er ist schwarz, praktizierender Jude, bekennt sich zu homosexuellen Erfahrungen und seinem Marihuanakonsum – kein Wunder, war er bisher Rapper in einer Band, die Odd Future heisst: Er hat wenig zu lachen. Aber viel zu erzählen. Und das macht er gänzlich Rap-frei sehr intensiv mit bewegter Stimme und reduzierter musikalischer (Pop-)Begleitung. Die amerikanischen Kritiker überschlagen sich zu Recht mit Lobeshymnen zum Seelenstriptease. 

Passion Pit: "Gossamer" (Sony). Purity Ring: "Shrines" (4AD/Musikvertrieb). The Gaslight Antherm: "Handwritten" (Universal).

Passion Pit: «Gossamer» (Sony)
Kaum was zu loben gibt’s beim zweiten Album des Elektropop-Quintetts aus Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts: Das ist ziemlich stumpfer und ausdrucksarmer Mitstampfpop für Kleinkinder. Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen. 

Purity Ring: «Shrines» (4AD/Musikvertrieb) 
Auch kein Lob gibt’s für das Debüt des Elektro-Duos Puritiy Ring aus Halifax: Der ewiggleiche Rhythmus in Form von elektronisch modifiziertem Handklatschen ist überaus ideenlos. Die eingestreuten Klang- und Melodie-Sprengsel schaffen keine Strukturen, sondern bewirken nur, dass die Tracks komplett überladen sind. Das chronisch lahme Tempo ermüdet. Und das fade Singsang von Corin Roddick wirkt freud- und orientierungslos. Nach dem fünften Stück sind wir ausgestiegen. Erstaunlich, dass ein ausgewiesenes Qualitätslabel wie 4AD solch nervige Belanglosigkeiten veröffentlicht. 

The Gaslight Anthem: «Handwritten» (Universal)  
Das Formtief, in das wir mit Purity Ring reingeschlittert sind, muss sofort wettgemacht werden, und zwar mit griffigem Gitarrenrock beziehungsweise dem vierten Album von The Gaslight Anthem: «Wir haben einfach das genommen, was wir sonst so alles machen, und den Regler dieses Mal bis zum Anschlag aufgedreht», sagt Sänger Brian Fallon dazu. Das klingt sehr amerikanisch, auch ein bisschen nach Cowboystiefel und Bryan Adams nach einer Frischzellenkur. Apropos Ami-Rock: Wenn Bruce Springsteen, eben erst in der Schweiz aufgetreten, sich selber als Ikone der Aufrichtigkeit zelebriert und sich gleichzeitig bis zur Selbstkarikatur hat liften lassen: Darf der Boss dann noch von Ehrlichkeit reden?

PS: Für Sammler sei noch erwähnt, dass heute das legendäre Must-have-Album «Tourist» von St. Germain remastered erscheint (EMI). Und die Doppel-CD-Best-of «Antennas To Hell» der Superprügler Slipknot inklusive Bonus-DVD (Warner).

RedaktionAnita Lehmeier
Kategorie Musik, CD's