Romanverfilmung | SI Style

Romanverfilmung

23|08|2012
Donnerstag

Der Waisenjunge Hugo (Asa Butterfield) lebt in einem Pariser Bahnhof, wo er täglich alle Uhren aufzieht. © alle Filmstills Ascot-Elite

HUGO ist ein klassische Martin-Scorsese-Film: bildgewaltig, episch, spannend. Das ist auch bei HUGO nicht anders. Sehr untypisch allerdings für den Meisterregisseur, in dessen Werken stets das Blut von der Leinwand tropft ("Gangs of New York", "Shutter Island", "Departed") und die Protagonisten fluchen zum Gotterbarm ("Good Fellas", "Taxi Driver") ist, dass HUGO auch für Kinder geniessbar ist. Scorsese hat das gleichnamige Jugendbuch (heute heissen die ja All-Age-Books, damit sich Erwachsenen nicht schämen, eines zu kaufen und zu lesen) von Brian Selznick kongenial auf die Leinwand gestemmt. Die Geschichte dreht sich um den Waisenjungen Hugo Cabret, der in den frühen Dreissigerjahren in einem Pariser Bahnhof haust und dort, wie schon sein Vater vor ihm, die Uhren wartet und aufzieht. Nach dem Tod seines Vaters bleiben dem einsamen Jungen nur die Notizhefte und ein Maschinenmensch.

Hugos Vater (Jude Law) baute einst einen Roboter. Hugos Ersatz-Vater (Ben Kinglsey) ist ebenfalls ein Tüftler.

Dem vifen Hugo macht nicht nur die Einsamkeit zu schaffen; da er illegal im Bahnhof wohnt, muss er sich dauernd vor dem gestrengen Stationsvorsteher (Sacha Baron Cohen) vorsehen, der ihn gern loshaben möchte. Hugos einzige Vertraute ist die entzückende Isabelle (Chloë Moretz), deren Grosvater (Ben Kingsley) im Bahnhof eine Reparaturwerkstatt für Spiezeug betreibt. Die Begegnung mit dem mürrischen Tüftler eröffnet dem Jungen neue Welten, sie ändert sein Schicksal für immer.

Hugo (Asa Butterfield) muss sich vor dem Stationsvorstand (Sacha Baron Cohen) verstecken. Mit Isabelle (Chloë Moretz) teilt er die Leidenschaft fürs Kino.

Im Heimkino geht leider ein wenig der spektakulären 3-D-Effekte verloren, die einem in Kino den Atem rauben. Doch Scorsese hat wie immer weder Kosten noch Mühe gescheut für die Ausstattung, die Kostüme und die Kulissen. Die Kamerafahrten durch den Bahnhof und die Verfolungsjadgen, die am Uhrzeiger hoch über der Stadt enden (Harold Lloyd lässt grüssen) sind auch in zwei Dimensionen unerreicht. Der Film ist eine herzrührende Entwicklungsgeschichte und eine Hommage an die Goldene Ära des Films, die Stummfilmzeit. HUGO zog im Frühling mit 11 Nominationen ins Rennen um die Oscars, fünf der Goldmännchen gingen an HUGO.  
 

 

RedaktionAnita Lehmeier
27|06|2012
Mittwoch

Wer bei der jüngsten Brontë-Verfilmung "Wuthering Heights" auf ein überladenes Kostümdrama mit schwungvoller Orchestermusik hofft, wird wohl enttäuscht werden: Andrea Arnolds Neuverfilmung ist ein rohes, unverdauliches Stück Filmkunst.

Arnolds jüngster Film, Wuthering Heights, erzählt Emily Brontës Roman - in der Erstverfilmung von 1939 noch als verwegene Liebesgeschichte getarnt - aus einer neuen Perspektive. Mit wackliger Kamera folgt Regisseurin Andrea Arnold zu Beginn des Films dem ersten Zusammentreffen der Protagonisten auf den windigen Hügel Yorkshires: Strassenjunge Heathcliff wird von den Earnshaws auf deren Farm aufgenommen, wächst an der Seite seiner Stiefschwester Cathy und unter der hütenden Hand des Gutsherrn (Paul Hilton) auf. Bis dieser Blut hustet, und dessen Sohn (Lee Shaw) - ein wütender, junger Mann - den Hof übernehmen muss. Unter ihm wird Heathcliff degradiert, gedemütigt und versklavt. Nachdem seine geliebte Cathy dem Hochzeitsantrag des reichen Nachbarjungen zusagt, verlässt er den Hof mit gebrochenem Herzen - nur um Jahre später und als erwachsener Mann auf die selben, windigen Hügel zurückzukehren.

Wer die Geschichte um Liebe und Rache kennt, weiss, dass man auf ein Happy Ending vergeblich wartet. Die britische Regisseurin Andrea Arnold transportiert die Story auf ein ungewohntes Level. Mit seinen schmutzigen und rohen Bildern verzichtet der Film komplett auf Musik. Vor einer atemberaubenden Naturkulisse tastet Kameramann Robbie Ryan oft die Grenze zum Unerträglichen ab, erfreut aber auch mit wunderschönen, poetischen Bildern. Die Handkamera wackelt, Arnolds Hauptdarsteller schimpfen und fluchen - alles sehr ungewohnt für ein Kostümfilm.

Fotos: Frenetic Films

Auch der Cast, eine bunte Mischung aus Laien- und geübten Kinodarsteller, überrascht - und kaum wurde ein erstes Bild veröffentlicht, ging ein Raunen durch die eingefleischte Brontë-Fangemeinde. In die männliche Hauptrolle (1939 noch von Frauenheld Laurence Olivier verkörpert) schlüpft hier der dunkelhäutige James Howson, die blutjunge TV-Darstellerin Kaya Scodelario mimt Stiefschwester Cathy.  Mit dieser bewussten Veränderung macht Arnold die Geschichte aktueller, spürbarer: Aus einem Schichtproblem wird ein Rassenproblem, aus dem herrischen Stiefbruder ein Rassist. 

Das Drama startet am 19. Juli in unseren Kinos. Wer unkonventionelle Literaturverfilmungen jenseits von rosaroten Rüschen mag, soll sich Arnolds tiefschwarzen Historien-Tripp unbedingt ansehen.

RedaktionCharlotte Fischli