Text: Christian Hug
Thirty Seconds To Mars, Vanessa Paradis
Thirty Seconds To Mars: «Love Lust Faith + Dreams» (Universal)
Jared Leto mag es ja nicht so, wenn man mit seinem Renommee als Schauspieler für seine Band wirbt – er hat deswegen auch schon Konzerte abgesagt. Leto versteht sich mehr als Musiker denn als Schauspieler, und Thirty Seconds To Mars möchte sich im Trio als Kunstprojekt verstanden wissen. Entsprechend ziert ein Bild von Damien Hirst das Cover der inzwischen vierten CD. Die Aktionskunst bestand wohl darin, dass die weltweite Erstausstrahlung des Albums von der Nasa-Weltraumstation ISS aus einer Höhe von 230 Meilen erfolgte. Und der Albumtitel symbolisiert die vier Elemente. Nun gut: Musikalisch wird das neue Werk den hohen Ansprüchen gerecht. Das sind breite Klangwände, hymnischer Stadionrock und grosse Gesten, die dank intelligenter Drehs und Wendungen nie zur blossen Fassade verkommen. Die vorwärtstreibende Dynamik hält den Spannungsbogen über die ganzen zwölf Songs aufrecht, und am Ende klingt alles wie eine logische und gelungene Weiterentwicklung des Vorgängeralbums «This Is War».
Vanessa Paradis: «Love Songs» (Barclay/Universal)
Vielleicht ist das irgend so eine Art Gegenreaktion bei Frauen von öffentlichem Interesse, dass sie unverzagt Liebeslieder singen, nachdem sie von ihren Typen verlassen worden sind. Bei uns hatten wir den Fall Francine Jordi mit «Verliebt Geliebt», Frankreich hat nun «Love Songs» von Vanessa Paradis. Und wie schon bei Francine keine rede war von Florian Ast, erwähnt auch Vanessa den Namen Johnny Depp mit keinem Wort. Stattdessen hat sie sich für ihr sechstes Album vor allem mit Benjamin Biolay zusammengetan, in Frankreich eine recht grosse Chanson-Nummer, und einigen anderen Schreibern und Komponisten, und, naja, trällert von der Liebe. Dabei sollte man bei Vanessa keinen Tiefgang erwarten: Wie immer verkörpert die zierliche Madame das Leichtfüssig-Heitere, sie haucht lieber als dass sie analysiert, und deshalb sind die Chansons auch keine wirklichen Meilensteine. Dafür gibt’s als Doppel-CD gleich zwanzig davon. Ein paar Songs hat sie sogar selber geschrieben.
Jamie Cullum, Keith Top Of The Pops & His Minor UK Indie Celebrity All-Star Backing Band
Jamie Cullum: «Momentum» (Universal)
Bisher hat Jamie Cullum so ziemlich alle Preise abgesahnt dafür, dass er dem Jazz die Leichtigkeit und Massenverträglichkeit zurückgegeben hat, ohne den Jazz zu verleugnen – und für seine entsprechend eingejazzten Coverversionen von Pop-Songs. Nun macht er selber Pop, zum ersten Mal auch ohne Mitautoren. Was, wie er selber sagt, vor allem damit zu tun habe, dass er im vergangenen März zum zweiten Mal Vater geworden sei. Und wenn sich einer wie er nach fünf tollen Jazz-Alben an den Pop wagt, kann man sich darauf verlassen, dass dieser Pop Stil und Tiefe hat. Weit weg vom üblichen Pop-Mainstream der Marke Will.i.am und um Klassen besser als zum Beispiel Bruno Mars. Vielleicht würde Elton John heute so klingen, wenn er vierzig Jahre jünger wäre. Wir empfehlen «When I Get Famous» allen Radios für deren Playlists. Besonders cool: «Love For $ale» mit Roots Manuva als Gastrapper.
Keith Top Of The Pops & His Minor UK Indie Celebrity All-Star Backing Band: «Fuck You, I’m Keith Top Of The Pops» (Corporate/SnoWhite)
Herrje, dieser Bandname! Aber was für eine Geschichte dahinter: Da war dieses Konzert von Art Brut in der New Yorker Knitting Factory, wo in letzter Minute die Vorband ausfiel und jemand den Gitarristen und Sänger Keith Top fragte, ob er einspringen wolle. Kurzentschlossen betrat er mit ein paar Freunden die Bühne und rockte drauflos. Seither kann eigentlich in der Band mitspielen, wer will, zeitweise sind das mehr als 20 Musiker. Und es gibt nur zwei Regeln: keine Proben und keinen Soundcheck. Der Rest ist Rockfeeling pur, alles frisch und spontan, ganz im Geiste von Iggy Pop, dessen neues Album mit den Stooges letzte Woche an dieser Stelle besprochen wurde. Wem dieses Album gefällt, der wird auch das Debüt von Keith mögen, das zwar nicht ganz so kräftig ist wie Iggy, aber immerhin ein lustiges Schmankerl zwischendurch.