Text: Christian Hug
Snoop Lion, Gentleman
Snoop Lion: «Reincarnated» (Sony)
Snoop Dogg, der geschmeidigste Rapper dieses Erdballs, macht jetzt Reggae. Das ist erwähnenswert. Aber es ist nicht nötig, dass Rap-Freunde nun «Verrat» rufen und Reggae-Fans die Nase rümpfen. Denn beide Stilrichtungen haben sich aus der afrikanischen Tradition des Wortduells entwickelt und sind deshalb nicht nur verwandt, sondern auch kompatibel. Oder gibt es einen anderen Grund, weshalb Raggamuffin, die Symbiose aus Reggae und Rap, schon entstand, als Rap noch in den Kinderschuhen steckte? Eben. Also: Snoop macht jetzt schweren, langsamen, mit digitalen Beats unterlegten Reggae. Oder wie es auf dem Sticker CD-Sticker etwas präziser formuliert ist: Reggae-inspired. Das ist cool und gewohnt souverän. Die vielen Gäste von Busta Rhymes bis Mr. Vegas setzen zusätzliche Glanzpunkte. Unsere Platte für den beginnenden Sommer! Und demnächst live am Openair Frauenfeld.
Gentleman: «New Day Dawn» (Universal)
Bleiben wir bei Sommermusik: Was der deutsche Chef-Reggae-Sänger Gentleman mit der Vorabsingle «You Remember» angekündigt hat, zieht sich nun konsequent durch sein neues Album: Ganz sachte hat er die Stilgrenzen seines Roots-Reggae ausgeweitet in Richtung Soul. Nicht, dass er nun Soul spielt. Aber er gibt seinen Tracks einen sorgfältig eingewobenen souligen Touch. Das passt zu Gentlemans emotionalem Gesang, der immer schon der Kern seiner Musik war, und wird ihm durchaus ein neues Publikums eröffnen. Dass dabei der eine und andere Song vor lauter Hingabe etwas wässrig wird, wollen wir als passionierte Gentleman-Freunde vorläufig übersehen.
Quantensprung, Tomazobi
Quantensprung: «Seitensprung» (Schallwerk)
Apropos Crossover (jetzt nicht wegrennen): «Absprung», das letzte Album dieser Nidwaldner Ländlerformation, haben wir an dieser Stelle als grenzüberschreitendes und kluges Album gelobt. Nun sind die vier Freunde noch einen Schritt weiter gegangen: Sie haben Komponisten aus verschiedenen musikalischen Lagern ihre CD in die Hand gedrückt und gesagt: «Hör da mal rein: So tönen wir. Nun schreib ein Stück für uns.» Einzige Bedingung: das Stück sollte am Ende irgendwie was mit Ländler zu tun haben. Nun sind acht neue Kompositionen von sechs Gastkomponisten zu hören, die sich in einem enorm erweiterten Feld der Volksmusik bewegen – zwischen Kleinkunst und Klassik, zwischen Ethno und Jazz, zwischen witzig und atmosphärisch und wie immer sehr souverän an den Instrumenten. Der Schalk der ersten beiden Alben ist zwar ziemlich verloren gegangen, aber das ändert nichts an der Spannung dieser Stücke. Eigentlich sollten Quantensprung dieses Album dem Qualitäts-Label ECM zum weltweiten Vertrieb anbieten. Reinhören lohnt sich.
Tomazobi: «Affehuus» (Endorphin/Universal)
Manchmal, wenn es in der Schweizer Musikszene zu lange nichts mehr zu lachen gibt, macht man sich ein bisschen Sorgen um den fehlenden Humor der einheimischen Musikanten. Das war in den letzten Monaten durchaus der Fall. Nun aber machen diese drei Berner auf einen Schlag das ganze nationale Manko wett: Das sind feinstens gezwirbelte Reime mit hinterhältigem Witz und überschäumendem Charme, das ist fein gedrechselte Musik mit Standfestigkeit und Können. Und das alles auch noch in Mundart: Quirliger als das Pfannestil Chammer Sexdeet und ganz im Geiste von Mani Matter. Grossartig die Adaptionen von Queens «Bohemian Rhapsody» («Bohemische Rapsfelder») und Irving Caesars «Just A Gigolo» (Gigu»). Und ja: «Schubidu» ist die hinreissenste Hommage an den schönsten weiblichen Körperteil, die wir je gehört haben. Alles in allem: kaufen!