Text: Christian Hug
Steff La Cheffe, Uslender Production
Steff La Cheffe: «Vögu zum Geburtstag» (Bakara/Warner)
Nun also das schwierige zweite Album das nationalen Lieblings von 2010: Die Erwartungen sind hoch, denn die Beatbox-Vizeweltmeisterin, die ihren Durchbruch einem Gastspiel bei Andreas Vollenweider verdankt, brillierte mit einem frischen, kecken Debüt. «Vögu zum Geburtstag» erfüllt die Erwartungen mühelos: Die Frau beweist Humor und Hintersinn, präzises Taktgefühl und musikalische Weitsicht. Sie baut hin und wieder Dubstep-Sequenzen ein, weitet mit Elektro-Elementen den Hip Hop aus. Sie pflegt zwischendurch ruhige, im Rapstil offensichtlich von Kutti-MC beeinflusste Betrachtungen und sprüht dann wieder vor lauter Übermut. Das alles ist sehr schön. Eigenartig ist jedoch die Produktion: Die ist recht zurückhaltend. Sagen wir: 85 von 100 Prozent. Damit wird auch Steff zurückgebunden, jedenfalls in einigen Tracks, wenn sie ihre Stimme in den Kehlkopf drückt, statt aus voller Lunge ins Mikrophon zu sprechen.
Uslender Production: «Zrugg in Summer» (Hangar)
Wir bleiben bei der einheimischen Sprechgesangskunst: Granit Dervishaj aus Hochdorf, Albaner zweiter Generation, hat sich als Baba Uslender mit souveränem Dialektrap im Jugo-Stil und genauer Kultur-Beobachtungen längst grossen Respekt in der Hip-Hop-Szene und darüber hinaus verschafft. Zusammen mit seiner Crew Uslender Production bleiben diese Umstände natürlich der Hauptantrieb, aber zu dritt gönnen sie sich zwischendurch auch mal etwas Heiter-Luftiges wie den Sommerhit-verdächtigen «Stausong» und mit «Goh mit de Zit» auch mal was Poppiges.
The Computers, Miss Kittin
The Computers: «Love Triangles Hate Squares» (One Little Indian/Namskeio)
Für die, die das Debüt letztes Jahr verpasst haben: The Computers haben nichts mit Computern am Hut, sondern sind eine frisch-fröhliche Rock-Band aus dem englischen Exeter, die mit Punk-Attitüde vollkommen unvoreingenommen im Rockabilly, Northern Soul und Surf-Sound wildern. Das ändert auch auf ihrem zweiten Album nicht: So frisch (jedenfalls meistens) und druckvoll sind diese 12 neuen Lieder, dass die Beine von alleine zu zappeln beginnen. «Bring Me The Head Of A Hipster» heisst der erste Track des Albums, und der kann nur selbstironisch gemeint sein, denn The Computers spielen die perfekte Hipster-Musik.
Miss Kittin: «Calling From The Stars» (Wagram/Disques Office)
Mit ihrem unglaublich präzisen Gespür für knackigen Minimaltechno und schon fast ungezählten Kollaborationen ist die Französin längst zur «First Lady of Techno» aufgestiegen. Nun hat sie zum ersten Mal sämtliche Tracks für ein neues Album selber komponiert – und das klingt sehr konsequent. Die zackig-treibenden Beats sind komplett verschwunden, teilweise sogar bis zur Verweigerung der Rhythmusmaschine. Stattdessen entfaltet sie elektronische Klangteppiche und Atmosphären, die eher besonnen bis düster daherkommen. Ihr treffsicheres Gespür für Klang und Computer bewahrt Miss Kittin davor, mit einem solchen Vorhaben in die leider meist übliche Belanglosigkeit abzudriften. Denn auch hier bleiben die Klänge und der Aufbau der Tracks sehr präzise. Mehr noch: Sie ist eine Meisterin des, wenn man so sagen will, Suspense-Techno: Sie baut Spannung auf, ohne diese zum Ausbruch zu bringen, und schafft es dabei, die Spannung aufrechtzuerhalten. Folgerichtig heisst dann der letzte Track dieses Doppelalbums selbstironisch «I Don’t Know How To Move». Ein Album zum Im-Sofa-Sitzen-und-Mithören.